Am 6. März besuchte unser Verein die Archäologische Staatssammlung München, wo uns der stellvertretende Direktor Dr. Bernd Steidl persönlich durch einen Teil der neu konzipierten Dauerausstellung führte. Sein Rundgang bot nicht nur einen präzisen Einblick in die archäologische Forschung, sondern stellte immer wieder Bezüge zur Ammersee‑Region her – ein roter Faden, der den Besuch für uns besonders wertvoll machte.

Dr. Steidl begann mit einer Einführung in die Architektur des sanierten Gebäudes. Die Staatssammlung wurde grundlegend erneuert, ohne den Charakter des 1970er-Jahre-Baus zu überformen. Die markante witterungsbeständige Cortenstahl-Fassade, deren warme Patina bewusst an archäologische Erdschichten erinnert, wurde dabei vollständig ersetzt, da das ursprüngliche Material durchgerostet war.


Haus der Archeologischen Staatssammlung in München

Das Haus ist Museum und Forschungszentrum zugleich: Archäologen, Restauratoren und Naturwissenschaftler arbeiten hier an Funden aus ganz Bayern. In ausgelagerten Depots werden weitere Objekte sachgerecht aufbewahrt und archiviert.
Die Ausstellung richtet ihren Blick ausschließlich auf den Menschen und seine materiellen Hinterlassenschaften. Paläontologische Themen, wie etwa Dinosaurierfunde, gehören nicht zum Profil des Hauses.
Im ersten Ausstellungsraum steht die Darstellung des Menschen im Mittelpunkt: von den frühesten figürlichen Abbildungen über die Kelten bis zu den Römern zeigte Dr. Steidl, wie sich der Mensch im Laufe der Jahrtausende selbst dargestellt hat.
In der keltischen Kunst nimmt der Kopf eine zentrale Stellung ein. Er wird oft übergroß dargestellt und erscheint wie ein bewusst hervorgehobenes Symbol. Diese Überbetonung verweist auf den keltischen Kopfkult: Der Kopf galt als Sitz der Lebenskraft und wurde in Religion, Kunst und Kriegswesen besonders verehrt.


Keltische Maskenfibel und Beschlagplatte mit Menschenkopf
aus Bronze, 5. und 1. Jh.v.Chr.

Die Römer waren die ersten, die Menschen wirklich individualisiert darstellten und sich damit deutlich von der idealisierenden griechischen Tradition absetzten. Diese neue Form der Porträtkunst zielte darauf, charakteristische Gesichtszüge, Alter, soziale Stellung und sogar persönliche Eigenheiten sichtbar zu machen. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die Sitzstatue aus südalpinem Marmor, die Dr. Steidl vorstellte. Ihr Kopf wurde – wie bei vielen römischen Skulpturen – im Mittelalter abgeschlagen, eine Praxis, die häufig, möglicherweise aus religiösem Eifer, erfolgte. Die Köpfe wurden nie wieder gefunden. Die Statue stellt eine Frau dar, die zur gehobenen Schicht gehörte: Darauf weisen sowohl ihre Halskette als auch das kleine Hündchen auf ihrem Schoß hin – ein Statussymbol und zugleich ein Hinweis auf die römische Vorliebe für Kleinhundrassen, die durch zahlreiche Knochenfunde belegt ist.


Römische Sitzstatue einer vornehmen Frau, 2. Jh.n.Chr.

Besonders eindrucksvoll waren die beiden Masken, die bei römischen Reiterspielen getragen wurden. Diese aufwendig gestalteten Gesichtshelme wurden bei repräsentativen Übungskämpfen eingesetzt, die zugleich militärisches Training und öffentliches Spektakel waren. Die Reiterspiele inszenierten häufig das antike Motiv ‚Okzident gegen Orient‘. Zwei Mannschaften traten gegeneinander an: eine in westlich‑römischer Ausrüstung, die andere in östlich geprägter Tracht. Diese Gegenüberstellung knüpfte an ein lange tradiertes Feindbild an, das bereits Alexander der Große propagiert hatte, wenn er den „tapferen Westen“ gegen einen vermeintlich verweichlichten Orient stellte.

 
Römische Masken für Reiterspiele, 2. und 3. Jh.n.Chr., links Abbild Alexanders des Großen

Im nächsten Raum wurde deutlich, welche zentrale Rolle Zeit für frühere Gesellschaften spielte. Eine große Zeitleiste verknüpft archäologische Funde aus Bayern mit parallelen Ereignissen der Weltgeschichte, ein didaktisch starkes Element der neuen Ausstellung.


Teil unserer Gruppe in der Ausstellung. Durch die Ohrlautsprecher konnten wir uns während der Führung frei bewegen.


Archeologische Staatssammlung München, Ausstellungsraum mit illustriertem Zeitstrahl an der Wand

Schon in der Jungsteinzeit errichteten Menschen komplexe Kalenderbauten, die Sonnenstände markierten und jahreszeitliche Abläufe strukturierten. Dr. Steidl erläuterte dieses frühe Zeitverständnis anhand regionaler Beispiele aus Bayern.


Bürgerrechtsurkunde für einen Soldaten, Bronze,
ausgestellt am 15. Juni 64 n.Chr.

Anhand des nahezu vollständig erhaltenen hölzernen Brunnenschachts vom Münchner Marienhof aus dem 13. Jahrhundert erläuterte er sehr anschaulich die Arbeitsweise der Archäologie im Detail. Der Brunnen war nur kurze Zeit in Gebrauch, dann wurde das Wasser durch eine Kuh, die hineingestürzt oder hineingeworfen wurde, verunreinigt. In der Folge nutzte man den Schacht nicht mehr als Wasserquelle, sondern als Latrine.
Gerade diese Zweitnutzung macht den Fund für die Forschung so wertvoll. In einer Latrine lagern sich über einen längeren Zeitraum hinweg Schichten aus Fäkalien, Speiseresten, Kleinfunden und Abfällen ab. Diese sogenannte Latrinenstratigraphie – also die Abfolge der einzelnen Schichten, lässt sich wie ein zeitlich geordnetes Archiv lesen: Oben liegen die jüngeren, darunter die älteren Ablagerungen.


Aufgebauter Brunnenschacht aus dem 13. Jh.

Aus diesen Schichten können Archäologen vielfältige Informationen gewinnen. Nahrungsreste geben Hinweise auf Ernährung und Handelsbeziehungen, kleine Alltagsgegenstände auf Lebensweise und materielle Kultur. Krankheiten lassen sich nachweisen, weil Wurmeier und bestimmte Parasiten in den Ablagerungen über Jahrhunderte erhalten bleiben. Voraussetzung für eine solche Auswertung ist allerdings, dass die Schichten nicht durch spätere Leerungen, Umräumungen oder erneute Befüllung durcheinandergebracht wurden, sonst gerät die zeitliche Ordnung durcheinander und das „Archiv“ wird schwerer lesbar.

Ein besonderes Highlight der Ausstellung war die Präsentation eines außergewöhnlich gut erhaltenen Grabensembles aus Niederbayern. In einer zentralen Vitrine liegt die sogenannte Blockbergung eines jung verstorbenen adligen Mannes, der auf einem reich verzierten Wagenkasten bestattet wurde. Solche Wagenbestattungen sind in Süddeutschland selten und gelten als deutlicher Hinweis auf hohen sozialen Status. Der Wagenkasten ist mit zahlreichen Nieten und Metallbeschlägen versehen, die einst die hölzerne Konstruktion schmückten.


Grabensemble aus einer Blockbergung aus Niederbayern


Teil einer Blockbergung, Knochenfund und Wagenkasten mit Verzierungen im Fundzustand

Dr. Steidl erläuterte an diesem Beispiel das aufwendige Verfahren der Blockbergung: Der gesamte Fund wurde mitsamt Erdblock, Grabbeigaben und Bodenmatrix im Fundzustand geborgen, um ihn im Labor Schicht für Schicht unter kontrollierten Bedingungen freizulegen. Drei Restauratorinnen arbeiteten elf Jahre an der vollständigen Freilegung, Dokumentation und Konservierung des Grabes.
Zu den Grabbeigaben gehören Bernsteinperlen, die auf weitreichende Handelskontakte hinweisen, sowie mediterraner Ginster, der in der Antike gelegentlich als berauschender Zusatzstoff genutzt wurde. Außerdem fanden sich Krüge, Trinkbecher und weitere Gefäße, die auf rituelle Gelage (Symposien) im Jenseits verweisen.
Für die Ausstellung wurde das gesamte Ensemble mit reversiblen Materialien stabilisiert und gesichert. Diese Technik entspricht modernen restauratorischen Standards: Alle Maßnahmen der Konservierung lassen sich rückgängig machen, sodass zukünftige Forschungen mit verbesserten Methoden erneut am Original arbeiten können. Die Präsentation vermittelt eindrucksvoll, wie vielschichtig archäologische Arbeit ist, von der Bergung über die naturwissenschaftliche Analyse bis zur musealen Vermittlung.

Am Beispiel einer Fundstelle in Pestenacker erläuterte Dr. Steidl die moderne Methode der Fettsäureanalyse in Keramik. Da die Siedlung durch ein Feuer zerstört wurde, standen viele Gefäße noch genau an ihren ursprünglichen Plätzen – ideale Voraussetzungen, um ihre Nutzung zu untersuchen. Bei der sogenannten Lipid Residue Analysis werden Fettsäuren und andere stabile Lipide aus den Poren der Keramikscherben extrahiert. Diese Rückstände verraten, wofür ein Gefäß einst verwendet wurde. Die Untersuchungen ergaben, dass einige Töpfe zur Milchverarbeitung dienten, während andere zum Kochen von Getreidebrei genutzt wurden. So lässt sich der Alltag der jungsteinzeitlichen Bewohner erstaunlich genau rekonstruieren.

Mit derselben Methode wurde auch ein römisches Öllämpchen untersucht. Ursprünglich wollte man herausfinden, welches Öl darin verbrannt wurde – eine spannende Frage, da Olivenöl in den nördlichen Provinzen des Reiches ein kostbares Importgut war und daher nicht selbstverständlich zur Beleuchtung genutzt wurde. Die Analyse ergab jedoch keine eindeutigen Rückstände des verwendeten Brennstoffs. Stattdessen ließen sich in den Poren der Keramik Harzbestandteile nachweisen. Harze wurden in der Antike häufig genutzt, um angenehme Düfte zu erzeugen oder unangenehme Gerüche zu überdecken. Dieser Befund passt bemerkenswert gut zu antiken Schriftquellen, in der Autoren erwähnen, dass man kleine Harzplättchen auf die Flamme von Öllampen legte, um Räume zu parfümieren.


Öllampe aus der Manufaktur des Sabinus, 2. Jh.n.Chr.

Die in einem Mehrfachgrab bestatteten Personen konnten mithilfe moderner DNA‑Analysen eindeutig als Opfer der Justinianischen Pest identifiziert werden. In den Skeletten, die gemeinsam in einem Grab lagen, wiesen die genetischen Untersuchungen das Bakterium Yersinia pestis nach. Damit ließ sich belegen, dass diese Menschen einer der frühesten großen Pandemien Europas zum Opfer gefallen waren,

Ein spektakulärer Münzfund eines Sondengängers wurde als kompletter Block geborgen und anschließend in einem Hochleistungs‑CT in Fürth untersucht, dort steht eines der größten industriellen Computertomografiesysteme Deutschlands, das normalerweise für die Analyse von Fahrzeugteilen und Materialschäden genutzt wird. Dr. Steidl erwähnte, dass es lange gebraucht hat, bis er die Untersuchung durchführen konnte und sich die Techniker sehr darüber freuten, einmal ein archäologisches Objekt im Gerät zu haben.


Plakat der Untersuchung eines Münzfundes mit Hilfe einer hochaufgelösten Computertomografie


Münzen aus der Deponierung in einem Keramiktopf,
Römische Kaiserzeit 233 n.Chr.

Die CT‑Aufnahmen ermöglichten einen detaillierten Blick in den Fund, ohne den Block zu öffnen. So ließ sich klären, wie die Münzen im Krug lagen, ob zufällig eingeworfen oder in einer zeitlichen Abfolge gesammelt. Überraschend war der Nachweis von Hirse, die als Füllmaterial zwischen den Münzen lag. Vermutlich sollte sie das Klirren dämpfen; ein ähnlicher Befund ist auch von einer anderen Fundstelle bekannt, was gegen einen Zufall spricht.
Neben den Münzen enthielt der Block außerdem Schmuckgarnituren zweier Frauen, darunter Ketten und Ringe, die sorgfältig voneinander getrennt lagen. Die CT‑Analyse machte diese Struktur sichtbar, ohne das Objekt zu beschädigen, ein Beispiel dafür, wie moderne Technik archäologische Forschung entscheidend erweitert.

Ergänzend zum Bezug unserer Region erwähnte Dr. Steidl einen außergewöhnlichen Fund aus Unfriedshausen: ein Steinmesser mit Holzschaft. Insbesondere der Schaft hat sich durch die Lagerung in einem feuchten Bodenmilieu gut erhalten. "Die Klinge war mit Birkenpech in den Holzgriff eingeklebt und mit Bast umwickelt".


Silexmesser mit gut erhaltenem Holzschaft, 
Jungsteinzeit Mitte 4. Jt.v.Chr.

Der folgende Raum visualisiert eine Ausgrabung architektonisch: Die Fundstücke liegen unter begehbaren Glasplatten, sodass Besucherinnen und Besucher den Eindruck erhalten, direkt über einer Grabung zu stehen. Auf digitale Medien wurde bewusst verzichtet, nicht wegen mangelnder Haltbarkeit, sondern weil die Technik zu schnell veraltet. Bis eine erneute Förderung eine komplette Neugestaltung ermöglicht, vergehen erfahrungsgemäß rund dreißig Jahre. In diesem Zeitraum wären heutige Displays, Animationen oder interaktive Systeme längst technisch überholt. Die Ausstellung setzt daher auf eine Gestaltung, die langfristig stabil bleibt.
Besonders eindrucksvoll war die Bodenvitrine mit Produktionsabfällen römischer Terra Sigillata aus der Großwerkstatt von Westerndorf bei Rosenheim. Dort wurde im 2.–3. Jahrhundert n. Chr. in industriellem Maßstab produziert; Ton und Brennholz waren vor Ort reichlich vorhanden. Ausschussware und missglückte Chargen landeten in den Tonentnahmegruben – insgesamt rund 70 Tonnen, die heute im Hochregallager des Museums lagern.
Unter den Abfällen finden sich auch gebrannte Tonklumpen, die im Brennofen als Stützen dienten und mitgebrannt wurden. Auf ihnen haben sich die Fingerabdrücke römischer Handwerker eingebrannt. Ähnliche Abdrücke finden sich auch auf dem Boden glasierter Scherben. Mit forensischen Methoden lässt sich untersuchen, ob dieselben Personen beteiligt waren oder ob unterschiedliche Hände, vielleicht sogar Kinder, im Produktionsprozess mitarbeiteten.


Ausstellungsraum mit Bodenvitrinen


Die Bodenvitrinen erzählen einzelne Geschichten verschiedener Ausgrabungen


Tonscherben aus einer Großwerkstatt in Westerndorf
bei Rosenheim, 2.-3. Jh.n.Chr.

Bezug auf unsere Region zeigte die Wandmalerei eines römischen Holzfachwerkhauses aus Epfach.

Den Abschluss der Führung bildete das außergewöhnliche Römergrab von Wehringen, das 1962 an der Straße Augsburg–Kempten entdeckt wurde. Römische Gräber waren üblicherweise monumentale Bauwerke entlang wichtiger Straßen, jedoch meist mit nur wenigen Beigaben ausgestattet, selbst bei wohlhabenden Personen. In Wehringen zeigt sich ein völlig anderes Bild: Die Bestattete erhielt einen nahezu vollständigen ‚Hausstand‘ mit ins Grab, darunter Keramiken, Schalen, Wein‑ und Wasserkrüge, Beistelltische und Glasgefäße und dies sind nur die Objekte, die den Brand überstanden haben.
Besonders eindrucksvoll ist ein großer Steinsockel mit einer passenden Vertiefung für eine kugelförmige Glasurne. Die Asche der verstorbenen Frau wurde zusätzlich in chinesischer Seide eingeschlagen, ein weiterer Hinweis auf weitreichende Handelskontakte und hohen Status. Anthropologische Untersuchungen ergaben, dass es sich um eine Germanin handelte, die sich vollständig in die römische Lebenswelt integriert hatte. Die Fülle und Qualität der Beigaben machen das Grab zu einem seltenen Beispiel gelungener kultureller Assimilation im römischen Provinzalltag.


Ungewöhnlich umfangreiche Grabbeigaben des Römergrabs von Wehringen, oben rechts eine Urne aus Glas


Steinsockel des Römergrabs von Wehringen mit einer Vertiefung für die Glasurne

Der Besuch der Archäologischen Staatssammlung unter der Führung von Dr. Steidl war, obwohl wir nur einen kleinen Teil der umfangreichen Ausstellung sahen, ein außergewöhnlich informativer und lebendiger Einblick in die archäologische Forschung Bayerns. Ein wiederholter Besuch der Archeologischen Staatssammlung ist auch aufgrund ständig wechselnder Sonderausstellungen unbedingt empfehlenswert. Die Verbindung von moderner Museumsarchitektur, wissenschaftlicher Präzision und regionaler Verortung – insbesondere zur Ammersee-Region – machte diesen Termin zu einem echten Höhepunkt zum Auftakt unseres Jahresprogramms.